Wissenschaftsbiographische Notizen

An deutschen und amerikanischen Universitäten studierte ich Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und Geschichte. Zu den Wissenschaftlern, die mein Studium am meisten prägten, gehören Iring Fetscher, Ralf Dahrendorf, Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas, Anatol Rapoport und vor allem Karl W. Deutsch. Eine nachhaltige intellektuelle Wirkung, wenngleich nur aus der Ferne, ging auch von Samir Amin, dem meiner Meinung nach bedeutendsten Intellektuellen der südlichen Kontinente, aus. Diese Namen stehen auch stellvertretend für die wissenschaftstheoretischen und die wissenschaftspolitischen Einflüsse, die meine späteren Arbeiten charakterisieren: Ideologiekritik und kritische Theorie, vermittelt mit einer als Erfahrungswissenschaft begriffenen Sozialwissenschaft. In den unterschiedlichen Themenfeldern, die ich seit der Mitte der 1960er Jahre bearbeitete, finden sich allerdings diese Orientierungen, maßgeblich thematisch bedingt, ganz unterschiedlich akzentuiert.

I

Zu Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit stand das Interesse an einer systematischen Analyse internationaler Politik und internationaler Beziehungen - Themen, die in der Bundesrepublik der 1960er Jahre weder im engeren politik- und sozialwissenschaftlichen Sinne noch im weiteren Sinne einer interdisziplinär orientierten Politischen Ökonomie der internationalen Gesellschaft bzw. des internationalen Systems bearbeitet wurden. Diese Lücke war für mich Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit Internationaler Politik als einem der Spezialgebiete der Politikwissenschaft. Der Einstieg in diesen Forschungsbereich erfolgte über das Studium von Militärstrategie (strategic studies) und Entwicklungsländerforschung (development studies) während eines ersten Studienaufenthaltes in den USA 1962/63, der mir durch ein Fulbright-Stipendium ermöglicht wurde. In dieser Zeit begann ich auch mit der Aufarbeitung jener Forschungsgebiete, die in den USA innerhalb der Politikwissenschaft als International Relations, einschließlich entsprechender systemtheoretischer Ansätze, gelehrt wurden. Meine ersten wissenschaftlichen Aufsätze galten einer kritischen Rezeption dieser Forschungsrichtung sowie der damals im Aufschwung befindlichen Systemtheorie und Sozialkybernetik.1 Mir ging es dabei um Systematisierung und ideologiekritische Sichtung der amerikanischen Beiträge.

 

II

Bestimmend für die frühen Arbeiten mit eigenständigem Charakter wurde jedoch die Auseinandersetzung mit der vor allem in den USA geführten militärstrategischen Diskussion. Henry Kissingers Veröffentlichungen aus den späten 50er und frühen 60er Jahren gaben hierzu den Anstoß, so vor allem die Lektüre seines Buches "Kernwaffen und auswärtige Politik", die mich unmittelbar zur Bewerbung um ein Fulbright-Stipendium motivierte. Das Studium der Militärstrategie vermittelte mir auch als Nebeneffekt erste Kenntnisse der seit der Mitte der fünfziger Jahre in den USA entstandenen Friedens- und Konfliktforschung (peace research; conflict resolution). Auf eine erste Phase der Aufarbeitung amerikanischer Beiträge und der bibliographischen Erfassung der internationalen Friedensforschungsliteratur schrieb ich in der zweiten Hälfte der 60er Jahre eine Reihe von wissenschaftspolitischen Aufsätzen, mit der ich in der Bundesrepublik für die Sache der Friedensforschung werben wollte.

Meine eigentliche Forschungsarbeit konzentrierte sich jedoch seit 1964 auf die kritische Auseinandersetzung mit der nach 1955 veröffentlichten, politisch einflußreichen militärstrategischen Literatur. Aus dieser Auseinandersetzung entstanden meine im Wintersemester 1966/67 abgeschlossene Dissertation sowie einige weiterführende Studien zur Kritik der Abschreckungsstrategie. In diesen Arbeiten wurde die Clausewitzsche Problematik des Verhältnisses von Politik und Gewalt sowie die Rolle und Funktion von Drohpolitik in der damaligen internationalen Politik thematisiert. Kritisch wurde die nukleare Abschreckungsstrategie als ein Versuch interpretiert, auch unter den Bedingungen zugespitzter politischer Verfeindung und historisch unvergleichlicher Zerstörungspotentiale das neuzeitliche konventionelle Verständnis von Politik und Gewalt im zwischenstaatlichen Verkehr aufrechtzuerhalten bzw. zu restaurieren. Das dabei eingeführte Konzept organisierte Friedlosigkeit sollte darauf verweisen, daß eine solche Restauration unter den seinerzeit gegebenen Bedingungen (Ost-West-Konflikt bzw. Kalter Krieg) eine konzertierte Aktion zwischen politischer Führung, Ökonomie, Militär und Wissenschaften voraussetzte ("Abschreckung und Frieden. Studien zur Kritik organisierter Friedlosigkeit", 1969).

Bei dieser Überlegung setzten auch meine nachfolgenden Untersuchungen über Rüstungsdynamik, die Rolle des militärisch-industriellen-wissenschaftlichen-bürokratischen Komplexes (MIK) und die Studien über die Funktion von Rüstungskontrolle an ("Rüstung und Militarismus", 1972; "Aufrüstung durch Rüstungskontrolle", 1972). Eine intensive Folgediskussion löste die These aus, die seit den sechziger Jahren ausdifferenzierte Abschreckungskonstellation zwischen Ost und West lasse sich als eine autistische Struktur begreifen, innerhalb derer Rüstungsdynamik - die anhaltende Auffächerung der diversen Abschreckungsdoktrinen und Rüstungspotentiale - vor allem innengeleitet sei und weit weniger als in der öffentlichen Debatte durch internationale Aktions-/Reaktionsprozesse vorangetrieben werde (Rüstungsautismus).2

Das Autismus-Theorem, das ich im Hinblick auf die Abschreckungskonstellation entfaltete, wurde jedoch für mich noch in anderer Hinsicht wichtig: Abschreckung unter den Bedingungen einer Extremsituation (glaubwürdiges Management einer abgestuften, tendenziell jedoch exterministischen Vernichtungsdrohung) ermöglichte Einblicke in die strukturell begründete Autismusanfälligkeit bzw. die Lernpathologien gängiger internationaler Politik. Kritische Realitätsprüfung ist in solchem Umfeld für Politik und Wissenschaft weit schwieriger als in innergesellschaftlichen Politikfeldern. Deshalb besteht in internationaler Politik anhaltend die Gefahr, in die Autismus-Falle zu geraten. Während des Ost-West-Konflikts war diese Gefahr besonders akut. Auch Friedensforschung entging ihr nicht völlig.

 

III

Die von mir differenziert erarbeitete Abschreckungskritik und die daran anschließende Analyse von Rüstungsdynamik und Rüstungskontrolle wurden zum Ausgangpunkt für meine Forderung nach einer kritischen Friedensforschung. Später, am Ende der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre entwickelte ich diese Forderung auch aus der eingehenden Auseinandersetzung mit der vornehmlich behaviouristisch und systemanalytisch verfahrenden Konfliktforschung in den USA. Bemängelt wurden daran ihre Ahistorizität, die Unterbelichtung herrschaftssoziologischer Probleme und das Fehlen von Ideologiekritik (heute würde man sagen: von dekonstruktivistischer Perspektive). Am Beispiel des Problems "Aggressivität und kollektive Gewalt" (1971) und insbesondere der Kriegsursachenforschung wurde die thematische Breite und das Potential einer kritischen Friedensforschung dargelegt ("Gewalt - Konflikt - Frieden", 1974).

Zu dieser Zeit war ich an der Gründung eines Instituts für Friedensforschung in Frankfurt beteiligt (Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung). Weiterhin arbeitete ich beratend in zwei Förderorganisationen für die Friedens- und Konfliktforschung mit: in der Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung (DGFK) sowie in der privaten Berghof-Stiftung für Konfliktforschung (in letzterer bis heute). Außerhalb der Bundesrepublik wurden meine Studien vor allem im Rahmen der Pugwash-Bewegung, der International Peace Research Association, der International Political Science Association und der Treffen von Wissenschaftlern aus Ost und West im Institut für den Frieden (Wien) diskutiert.

 

IV

Die vorgenannten Studien waren auf die Analyse des Ost-West-Konfliktes bezogen. Doch wurde dadurch das frühere Interesse an einer systematischen Theorie internationaler Beziehungen nicht gänzlich in den Hintergrund gedrängt. Eine Studie über Konfliktformationen in der internationalen Gesellschaft (1973) hatte dieses Interesse neu akzentuiert; sie bildete den Übergang zu Untersuchungen, die die Analyse von Weltwirtschaft und Entwicklung und damit den Nord-Süd-Konflikt zum Inhalt hatten. Mein Ausgangspunkt dafür war seit Anfang der 1970er Jahre die Rezeption der lateinamerikanischen dependencia-Theorien, die zum damaligen Zeitpunkt den einzigen konkreten Beitrag zu einer erfahrungswissenschaftlichen Theorie internationaler Schichtung und ihrer entwicklungspolitischen Implikationen darstellten. Zwei aus dieser Beschäftigung hervorgegangene Sammelbände in der edition suhrkamp mit Beiträgen aus der internationalen Diskussion über Dependenz (abhängige Reproduktion) und peripheren Kapitalismus (1992/1994) haben jahrelang die entwicklungstheoretische und entwicklungspolitische Diskussion in der Bundesrepublik maßgeblich beeinflußt.

Im Anschluß daran erstreckte sich mein Forschungsinteresse im wesentlichen auf vier Schwerpunkte: In einem mit Lehrern durchgeführten Curriculum-Projekt wurde, erstens, der Versuch unternommen, diese neueren Erkenntnisse in didaktisch verwertbare Schulmaterialien zu übersetzen. Aus einer von mir geleiteten Arbeitsgruppe entstand, zweitens, eine Publikation über die Folgewirkungen der Aktivitäten multinationaler Konzerne in der Dritten Welt. Seit Mitte der 1970er Jahre erhielt die entwicklungstheoretische Forschung eine größere politische Relevanz, insbesondere durch die Diskussion über eine Neue Internationale Wirtschaftsordnung (NIWO). Mein Beitrag zu dieser Diskussion bestand, drittens, vor allem in dem 1977 vorgelegten Plädoyer für Dissoziation ("Weltwirtschaftsordnung und Entwicklungspolitik", 1977): Darin wurde argumentiert, daß die übliche Integration der Dritten Welt in die gegebene Weltwirtschaftsordnung elementare Entwicklungsprobleme der Dritten Welt nicht lösen können wird. Vielmehr sei eine Neubelebung des alten List’schen Programms der selektiven Abkopplung (Dissoziation) auf Zeit bei gleichzeitiger Orientierung auf autozentrierte Entwicklung erforderlich, damit Drittwelt-Gesellschaften in die Lage versetzt würden, lokale Ressourcen zur Befriedigung der lokalen Bedürfnisse ihrer eigenen Bevölkerung kohärent zu mobilisieren. Dieses Plädoyer - oft als Plädoyer für Autarkie grundlegend mißverstanden - hatte dann eine wiederum jahrelange weit gefächerte Diskussion zwischen den Verfechtern der gängigen Integration und den Verteidigern der Dissoziationsthese ausgelöst. Dabei ist rückblickend unübersehbar, daß die entwicklungspolitisch motivierten Anhänger der Dissoziationsthese allermeist eindimensional ("Abkoppelung") argumentierten, während das diese Diskussion auslösende Konzept nachweisbar immer mehrdimensional (selektive Dissoziation auf Zeit, autozentrierte Entwicklung, collective self-reliance) ausgerichtet war.

In einem breit angelegten Forschungsprojekt war ich, viertens, seit der Mitte der 70er Jahre bemüht, an besonders exponierten Beispielen extremer dissoziativer Entwicklung das genannte Konzept weiter auszuleuchten. Ausgewählt wurden für eine komparative Untersuchung die vier sozialistischen Entwicklungsländer Albanien, China, Kuba und Nordkorea. Aus diesem Projekt, das ich mit einer Gruppe von Frankfurter Doktoranden bearbeitete, sind mehrere Länder-Monographien entstanden sowie ein systematischer Beitrag zum entwicklungsgeschichtlichen Stellenwert des Sozialismus. Darin argumentierte ich, daß Sozialismus bisher nicht die Funktion einer neuen Produktionsweise jenseits reifer kapitalistischer Gesellschaften gehabt habe. Ungeachtet der viel weitreichenderen gesellschaftspolitischen Absichten der Akteure sei seine Rolle vielmehr, nachholende Entwicklung unter Bedingungen zu ermöglichen, unter denen sie unter kapitalistischen Vorzeichen in der Regel nicht mehr erfolgt. Stärken und Schwächen dieses entwicklungspolitischen Unterfangens wurden dabei gleichermaßen analysiert, ebenso die geringen Erfolgsaussichten im Falle ausbleibender Reformen nach der extensiven Entwicklungsphase des real existierenden Sozialismus. Im Lichte der monographischen Ergebnisse wurde die wachsende Diskrepanz zwischen der zunehmenden Komplexität von Ökonomie und Gesellschaft einerseits und dem beharrlich monolithhaften Charakter der politischen Ordnung kritisiert: "Ohne Selbstkorrektur in Richtung auf dezentrale Lenkungsstrukturen und politische Partizipation bleibt der entstehende ‘real existierende Sozialismus’ eine Entwicklungsstufe zu einem letztendlich nur noch mit Gewalt zu verhindernden Kapitalismus" (1982).

 

V

Bedingungen und Verlaufsmuster nachholender Entwicklung waren ein sich daran anschließender thematischer Schwerpunkt. Ausgehend von modernisierungstheoretischen Hypothesen, von Annahmen aus der Theorie des peripheren Kapitalismus und von allgemeinen Überlegungen über Peripherisierungsprozesse wandte ich mich in einem historisch-komparativen Projekt der Frühphase europäischer Entwicklung im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu. Die prinzipielle Frage war die gleiche wie in den bereits genannten Vorhaben: Wie kam unter den Bedingungen einer auch in der Frühphase der europäischen Entwicklung existierenden internationalen Hierarchie, die sich in unterschiedlichen Produktivitäten und Kompetenzen einzelner Gesellschaften und Ökonomien dokumentierte, eine sich selbst tragende autozentrierte Entwicklung zustande? Mit diesem Forschungsvorhaben setzte ich bisherige entwicklungstheoretische Überlegungen und vor allem die Dissoziationsthese historischem Material aus. Das dabei avisierte Ziel war sowohl die Formulierung einer historisch-komparativ begründeten Typologie autozentrierter Entwicklung als auch die mögliche Nutzung historischer Erkenntnisse für die aktuelle entwicklungspolitische Diskussion über eine neue internationale Wirtschaftsordnung. Diese Forschung reihte sich ein in die wenigen anderen ähnlich ausgerichteten Unternehmungen, so z.B. in die damals im Aufschwung befindlichen Analysen über das "moderne Weltsystem" (I. Wallerstein, A.G. Frank, S. Amin, H. Elsenhans u.a.), ohne im Lichte eigener Ergebnisse immer deren Aussagen zu teilen. Das Ergebnis wurde in dem Buch "Von Europa lernen" (1982), das später in mehrere Sprachen übersetzt wurde, vorgelegt.

An diese mehrjährige Untersuchung, deren besonderer Reiz aus dem Zwang zu historisch-genetischer, struktureller und vor allem vergleichender Analyse resultierte, schloß sich in der ersten Hälfte der 1980er Jahre eine Beschäftigung mit den sogenannten ostasiatischen Schwellenländern an, wobei gefragt wurde, ob sich in diesem Bereich der Welt frühe Entwicklungserfahrungen Europas wiederholen. Ungeachtet weniger Besonderheiten war die Antwort positiv.

Die Ergebnisse der eigenen Entwicklungsforschung wurden 1986 in einem Buch, verfaßt zusammen mit Ulrich Menzel, publiziert ("Europas Entwicklung und die Dritte Welt. Eine Bestandsaufnahme", 1986). Es diente gleichzeitig der Bestandsaufnahme und systematischen Auswertung, genauer gesagt: der Selbstevaluation einer ca. fünfzehnjährigen, in allen Etappen mit Ulrich Menzel gemeinsam durchgeführten Forschungsarbeit.3

Im Lichte gesicherter erfahrungswissenschaftlicher Befunde über Entwicklungsprozesse - Erfolge, Mißerfolge und viele dazwischengelagerte Fälle - konnten kontroverse paradigmatische Orientierungen im Hinblick auf historische und aktuelle Konstellationen kontextspezifisch verortet werden. Anders als bei der Analyse von Abschreckung, bei der man sich sinnvollerweise nur auf einen einzigen Fall, den Ost-West-Konflikt, beziehen konnte, erwies sich in der Entwicklungsforschung die Vielfalt des historischen und aktuellen Materials als ein "Laboratorium", in dem Entwicklungspfade gewissermaßen erprobt wurden. In einem derart vielfältigen, zu Differenzierungen und Typologien anregenden Umfeld habe ich aus der sachorientierten Forschungspraxis heraus den Vergleich als Königsweg sozialwissenschaftlicher Erkenntnis zu begreifen und praktizieren gelernt. Auch habe ich dabei gelernt, theoretische, insbesondere erfahrungswissenschaftliche Aussagen immer auf spezifische Kontexte auszurichten, was notwendigerweise Überlegungen über die Kontextuierung von Kontexten und damit Reflexionen über eine typologisch unterfütterte generalisierende Theorie einschließt.

 

VI

Nach diesem mehrjährigen Durchgang durch die Entwicklungsproblematik erwachte in mir seit der Mitte der 1980er Jahre erneut das Interesse an einer systematischen Analyse internationaler Beziehungen. Dabei gab es drei Schwerpunkte. Ein erster bezog sich auf Europa, wobei ich bemüht war, "Die Zukunft Europas" (1986) im Zusammenhang der damaligen weltpolitischen Lage, der sogenannten Hegemoniekrisen-Problematik, zu bestimmen. Die aktuelle politische Diskussion über Nachrüstung gab Anlaß, wiederum mit dem Ziel einer Selbstevaluation die frühen Arbeiten über Abschreckung, Rüstungsdynamik und Rüstungskontrolle neu und also selbstkritisch zu überdenken. Ergebnisse dieser Überlegungen finden sich ebenfalls in dem zuletzt zitierten Buch.

Ein zweiter Schwerpunkt bezog sich auf die sogenannten Regionalkonflikte, die seinerzeit meist als die "Süddimension des Ost-West-Konfliktes" interpretiert wurden. In einer äußerst anregenden Arbeitsgruppe in der Stiftung Wissenschaft und Politik (Ebenhausen), wo ich 1986/87 ein erstes Forschungsjahr verbrachte, wurden diese Konflikte fallspezifisch und vergleichend mit dem Ergebnis einer Neubewertung gesichtet: Der Ost-West-Konflikt erwies sich dabei vielfach eher als aufgesetzt und nicht als Ursache solcher Konflikte.

Aus den diversen Forschungssträngen seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre entstand dann Mitte der 1980er Jahre der Versuch, in einer synthetisierenden Betrachtung die gewonnenen Erkenntnisse aus verschiedenen Forschungsfeldern (Ost-West/Nord-Süd, etc.) im Hinblick auf Struktur und Entwicklungsdynamik des internationalen Systems darzulegen: "Konfliktformationen im internationalen System", so lautete 1988 der Buchtitel kurz vor dem Ende des Ost-West-Konfliktes. Ein Jahr später kam es zu dem für die Nachkriegszeit beispiellosen weltpolitischen Umbruch. Das Buch wurde dadurch - nolens volens - zu einem Dokument, das vor allem für eine rückblickende zeitgeschichtliche Analyse der Struktur von Weltpolitik nach 1945 von Relevanz bleibt.

In die Endphase des Ost-West-Konfliktes fiel auch der Beginn meiner Mitarbeit im Vorstand und Wissenschaftlichen Beirat in der von Willy Brandt initiierten Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF). Die persönlichen Begegnungen mit Willy Brandt hatten für mich so etwas wie friedenspolitische Motivationsschübe zur Folge und waren für meine Forschungsarbeiten zu einem Zeitpunkt besonders anregend, als sich Politik noch während der alten weltpolitischen Konstellation mit Lernprozessen schwertat. Sie waren jedoch auch nach dem weltpolitischen Umbruch hilfreich, als sich merkwürdigerweise (oder auch nicht!) die mir vertrauten Wissenschaften wie nur mühsam umsteuerbare Tanker verhielten.

 

VII

Der weltpolitische Umbruch 1989/90 veranlaßte mich unmittelbar zu einer selbstkritischen Auseinandersetzung mit meiner bisherigen wissenschaftlichen Arbeit. Denn diese Forschung war, wie nicht anders vorstellbar, eingebunden in die dominante weltpolitische Konfliktformation der Nachkriegszeit, den Ost-West-Konflikt. Durch diesen Konflikt wurden Fragestellungen und Perspektiven nicht nur dann vorgeprägt, wenn es um eine Bestandsaufnahme ging, sondern auch um Überlegungen zur Abfederung bzw. Überwindung dieses Konfliktes. Mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes - das wurde mir mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989, als ich zufällig in West-Berlin war, deutlich - waren die entsprechenden analytischen und praxeologischen Prämissen hinfällig geworden. Eine konzeptuelle Neuausrichtung wurde überfällig. Sie erfolgte in dreifacher Hinsicht.

Zunächst beschäftigte mich die Frage, welche friedenspolitischen Chancen sich für ein Europa jenseits der Abschreckungskonstellation und des Ost-West-Konfliktes ergeben. Zwei Buchpublikationen dienten der Erörterung dieser Frage: der Umriß eines Friedensplanes für Europa, wenige Wochen nach dem weltpolitischen Umbruch beendet und im März 1990 veröffentlicht ("Europa 2000. Ein Friedensplan", 1990), sowie danach die ausführliche Diskussion desselben Themas in "Friedensprojekt Europa" (1992).

In einem weiteren Schritt ging es darum, nach dem erfolgten weltpolitischen Umbruch das internationale System insgesamt zu analysieren. In der Folge dieses Umbruchs waren hinsichtlich der 1988 vorgelegten Diagnose über die Konfliktformationen der Nachkriegszeit einige Strukturen der seinerzeit analysierten Empirie weggebrochen. Erforderlich wurde also eine Neukonzeptualisierung der Weltlage. Da der weltpolitische Umbruchprozeß noch im Gange war, wurde 1994 im Buchtitel bewußt gefragt "Wohin driftet die Welt?" In dieser Analyse wurden Kontinuitäten und Diskontinuitäten gesichtet. Entwicklungstrends, die später noch deutlicher hervortraten, wurden mit den Kategorien Globalisierung und Fragmentierung diskutiert. Die Publikation entstand während einer zweijährigen Forschungsprofessur an der Stiftung Wissenschaft und Politik, Ebenhausen (1992-94) - einer Organisation, die - wie auch alle Wissenschaftler seinerzeit - unter dem Zwang einer konzeptuellen Reorientierung stand. Dieser Umstand machte den Aufenthalt an dieser nicht-universitären Forschungsinstitution, die vor allem auch Politikberatung zur Aufgabe hat, besonders anregend und fruchtbar.

 

VIII

Die neue weltpolitische Konstellation, insbesondere aber die Lage in Europa machten es erforderlich, konstruktiv zu denken. Denn anders als vor 1989/90 ging es nun nicht mehr darum, eine ideologisch und rüstungsmäßig zugespitzte Konfliktkonstellation einzuhegen. Vielmehr stand die nach dem Umbruch möglich gewordene neue Gestaltung einer politisch offenen Situation auf der Tagesordnung. Deshalb waren auch von Seiten der Wissenschaftler gestalterische Perspektiven gefordert. In meiner Auseinandersetzung mit den Zeitläuften wurde deshalb die Beschäftigung mit dem Konzept des Friedens zu einem zentralen Gegenstand eigenen Denkens und Forschens. Obwohl die anfänglichen Überlegungen hierzu einige Jahre älter sind als der weltpolitische Umbruch, bekamen diese eine deutliche Akzentuierung erst nach 1989/90.4 Die Zivilisierung des Konfliktes wurde zu einem Schwerpunkt der Analyse. Ich begriff Frieden als Zivilisierungsprojekt und bemühte mich, die Konturen dieser Perspektive herauszuarbeiten. Die Thematik war mir natürlich nicht unvertraut, allein schon, weil sie über Eva Senghaas-Knobloch und deren frühe Monographie "Frieden durch Integration und Assoziation" (1969) gewissermaßen in unsere Lebensgemeinschaft eingebracht wurde. Darüber kam es jedoch unbeabsichtigt zu einer Aufmerksamkeits- und Arbeitsteilung, dergemäß sie sich mit assoziativen (Integration!) und ich mich mit dissoziativen Friedensstrategien (Abschreckung!) beschäftigte, so wie das manche feministische Lehrmeinung geradewegs erwarten würde!

Meine Überlegungen zu einem konstruktiven Konzept des Friedens bündelten sich in den frühen 90er Jahren im sogenannten "zivilisatorischen Hexagon", mit dessen Hilfe, erfahrungswissenschaftlich begründet, die komplexe Architektur des Friedens, auch die komplexen Prozesse einer Politik konstruktiver Friedensgestaltung thematisiert wurden.5 Mit der Veröffentlichung zweier inhaltlich streng fokussierter Sammelbände, "Den Frieden denken" (1995) und "Frieden machen" (1997), wollte ich die konstruktive Friedensperspektive insgesamt profilieren. Diesen Bemühungen kam entgegen, daß angesichts der neuen Konfliktlage in der Welt, die insbesondere durch Ethnokonflikte gekennzeichnet wird, konstruktive Bearbeitungsstrategien auch von der Praxisseite nachgefragt wurden. So setzte allenthalben - bei Regierung und gesellschaftlichen Gruppierungen, aber auch bei bis dato nur rüstungskritisch fixierten Pazifisten - ein Lernprozeß ein, der zu einem neuen Interesse an konstruktiver Konfliktbearbeitung führte.

Ein solcher Lernprozeß war und ist für die Friedensforschung insgesamt von Bedeutung: Wenn man nämlich Frieden als Zivilisierungsprozeß versteht, wird es unausweichlich, die Aufmerksamkeit auf Koexistenz als Inbegriff institutionalisierter gewaltfreier Konfliktaustragung auszurichten. Dabei wird deutlich, daß die Kritik des Unfriedens - ein in jeder Hinsicht legitimer und wichtiger Arbeits- und Argumentationszweig der Friedensforschung - sich nicht in ein konstruktives Friedenskonzept überführen läßt ohne neu einsetzende, neu akzentuierte zusätzliche Überlegungen, die sich präzise auf die Ermöglichung von Frieden (qua Struktur oder Architektur mit eigener Logik) beziehen müssen. So läßt sich beispielsweise aus den Ergebnissen einer Entmilitarisierungsforschung kein konstruktives Friedenskonzept gewinnen. Denn dieser Forschung (wie jeder Anti-Forschung) liegt eine Abbauperspektive zugrunde: Abgebaut werden sollen z.B. der Militarismus oder einfach das Militär, die Rüstungspotentiale, die Vorurteile usf. Aber gerade solche Forschung bedarf weiterführender systematischer Überlegungen darüber, unter welchen Bedingungen unausweichliche Konflikte, die im übrigen auch in einer entmilitarisierten Welt bestünden, sich verläßlich zivilisieren, also ohne Rückgriff auf kollektive Gewalt bearbeiten lassen. Eine solche Perspektive ist jedoch letztendlich keine bloße Ergänzung, sondern die eigentlich entscheidende und im Kern konstitutiv für die gesamte Friedensproblematik.

Eine Anti-Forschung findet, empirisch belegbar, selten eine konstruktive Wende. Die wichtige Frage, wodurch und wie sich Frieden konstituiert, und auch die Antworten darauf bleiben deshalb in aller Regel unterbelichtet. Auch meine eigenen wissenschaftlichen Arbeiten aus der Zeit, ehe ich begann, mich mit Fragestellungen der Entwicklungsforschung auseinanderzusetzen, dokumentieren die Wahrscheinlichkeit einer konzeptuellen Engführung in der Folge von Anti-Forschung (in meinem Fall: von Abschreckungskritik). Man bedarf offensichtlich beider: sowohl einer Abbau- als auch einer Aufbauperspektive, am besten von Anfang an und nicht in Abfolge. Wenn sich solche doppelpolige Orientierung in Einzelpersonen oft nur schwierig realisieren läßt, dann muß zumindest ein Forschungszweig darauf bedacht sein, beiden Perspektiven gebührende Beachtung zu schenken und wissenschaftspolitisch entsprechend aktiv zu werden. Über die Verarbeitung meiner eigenen diesbezüglichen Problematik hinausgehend hatten meine Beiträge in den 1990er Jahren auch das Ziel, die eigene Disziplin durch konstruktive Impulse mit der dargelegten Anforderung zu konfrontieren.

 

IX

In diesen 1990er Jahren belebten ethnopolitische Konflikte, vor allem dort, wo sie zu Bürgerkriegen eskalierten, erneut die Diskussion über die Grundbedingungen einer friedensfähigen öffentlichen Ordnung. Konflikte der genannten Art spitzen sich in aller Regel zu Auseinandersetzungen über die politisch-institutionelle Verfaßtheit von Gesellschaften, also auf Verfassungsfragen zu. Je grundlegender diese Auseinandersetzungen werden (so vielfach in Entwicklungsgesellschaften mit fundamentalistischen politischen Bewegungen beobachtbar), um so mehr steht in solchen Konflikten die Entwicklungsrichtung ganzer Gesellschaften zur Disposition. Hier setzt die neuere Kulturdebatte ein, bei der es letztendlich, sofern sie von politischer Relevanz ist, sowohl im Hinblick auf die innere Verfaßtheit von Gesellschaften als auch im Hinblick auf die internationale Gesellschaft kontrovers um die Gestaltung öffentlicher Ordnungen, also um entsprechende Normen, Institutionen und Mentalitäten geht. Inhaltlich ganz anders als zur Zeit des Ost-West-Konfliktes steht damit erneut die Ermöglichung friedlicher Koexistenz, jetzt allerdings unter den Vorzeichen einer wachsenden Pluralisierung und Politisierung von Gesellschaften und der Welt insgesamt, auf der politischen Agenda.

Angesichts der zunehmenden Politisierung der Welt sind deshalb vertiefte Kenntnisse über die Kulturen und die Kulturkonflikte in der Welt, auch über interkulturelle Perspektiven, die Brückenschläge ermöglichen, erforderlich. Auf Fragen, die sich aus dieser Problematik ergeben, war meine Arbeit am Ende der 1990er Jahre gerichtet, so in dem Buch "Zivilisierung wider Willen. Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst" (1998). Zivilisierung der Konfliktaustragung unter modernen Bedingungen, d.h. angesichts sich pluralisierender und politisierter Gesellschaften, wird darin als das Ergebnis kollektiver Lernprozesse gegen die Orientierungen herkömmlicher Kultur, also wider Willen und folglich im Konflikt mit der eigenen Tradition, begriffen. Denn politisierte Identitäten und Interessen sind in sozial mobil werdenden, sich zerklüftenden Gesellschaften nicht auf Koexistenz, sondern auf hegemoniale Machtansprüche ausgelegt: Intoleranz ist in einem solchen Zusammenhang ursprünglicher als Toleranz. Da diese Problematik eine moderne ist, wurde sie in den großen traditionalen Kulturen der Welt nicht thematisiert.

Die Erfordernisse der sich modernisierenden Gesellschaften stehen im Widerstreit mit den Orientierungen traditionaler Kultur. Modernisierungsprozesse führen demnach zu tiefgreifenden Kulturkonflikten im jeweils eigenen Umfeld. Der beste Beleg dafür ist die westliche Welt selbst, die erst im Ergebnis eines langwierigen, bis in das vergangene Jahrhundert reichenden Zivilisierungsprozesses Koexistenz als eine Leitperspektive zu begreifen gelernt hat. Die einst nur europäische Problemlage ist inzwischen eine weltweite geworden. Im übrigen: Geraten Kulturen mit sich selbst in Konflikt, werden sie also "selbstreflexiv", wird dadurch der internationale Kulturdialog nicht erschwert, sondern erleichtert. Zu einem unfruchtbaren Ritual wird er dann, wenn, wie weithin üblich, dem Westen sowie den außereuropäischen Kulturen unverrückbare Kulturprofile unterstellt werden. In Wirklichkeit liegen die großen Kulturen der Welt vor allem mit sich selbst in Konflikt - so das Fazit des Buches, das erneut in der edition suhrkamp erschien.

 

X

Wer Demokratie will, bereitet in aller Regel nicht die Diktatur vor. Die Scheidung vorzubereiten, wenn man einer Vermählung nähertritt, ist so widersinnig, wie die Umwelt zu vergiften, wenn man nachhaltige Entwicklung will. Beim Frieden aber ist über Jahrhunderte hinweg eine vergleichbare Absurdität kaum bemerkt worden. "Si vis pacem, para bellum" lautet die herkömmliche, in vielen Teilen der Welt immer noch akzeptierte Maxime für Friedenssicherung: "Willst du Frieden, so bereite den Krieg vor." Diese Maxime gilt als Inbegriff von "Realpolitik". Doch allein schon der gesunde Menschenverstand gebietet, den Frieden vorzubereiten, wenn man Frieden will. Die korrekte Maxime muß also lauten: "Si vis pacem, para pacem." Man könnte auch sagen: Das Maß des Friedens ist der Frieden selbst. Wenn dem so ist, dann gibt es einen sachlogischen Zwang, sich auf das para pacem zu konzentrieren. Dazu gehört auch und nicht zuallerletzt die Reflexion darüber, wie (in der Sprache des Pazifismus von vor 100 Jahren) mit den "Rowdys" der internationalen Gesellschaft umzugehen ist.Dieser Gesamtproblematik ist das Buch " Zum irdischen Frieden. Erkenntnisse und Vermutungen" (2004; edition suhrkamp) gewidmet. In ihm bemühte ich mich, ein allgemeines, jedoch wiederum differenziertes kontextsensibles Fazit aus vielen Jahren meiner Beschäftigung mit der modernen Friedensproblematik vorzulegen. Das Buch ist in Analogie zu Kants philosophischem Entwurf "Zum ewigen Frieden" (1795) strukturiert: Es enthält somit Präliminar- und Definitivüberlegungen, Zusätze und Anhänge, jedoch keine erneute Kant-Interpretation, vielmehr eine erfahrungswissenschaftlich fundierte, somit weltkundige Zeitdiagnose in friedenspolitischer Absicht.6

 

XI

Man kann nichts verwirklichen, was man nicht begreifen kann. Darin liegt die eigentliche Begründung auch für Friedensforschung, der ich - wenngleich zu Beginn nicht ohne Zufälligkeiten - mehr und mehr meine Aufmerksamkeit und wissenschaftliche Arbeit gewidmet habe. Diese Thematik, in die ich im Laufe der Zeit hineingewachsen bin, hatte eine in jeder Hinsicht glückliche Implikation: Sie zwang – von den Sachverhalten her geradewegs aufgenötigt – zu einer ständigen Horizonterweiterung. Neben den vielen Widrigkeiten der Realität, mit denen man laufend konfrontiert wird, liegt darin andererseits auch die Faszination dieses Themenfeldes. Diese Faszination war erneut erlebbar in meinem jüngsten Projekt: der "Annäherung an den Frieden über klassische Musik", dessen Ergebnis in einem Buch im Frühjahr 2001 erschienen ist: "Klänge des Friedens. Ein Hörbericht" (edition suhrkamp). Sein Inhalt läßt sich wie folgt zusammenfassen: Seit jeher ließen sich Komponisten angesichts der brutalen Wirklichkeit des Krieges und im Hinblick auf Friedenshoffnungen zu ganz unterschiedlich gearteten Klängen des Friedens inspirieren. Erstmals werden in diesem Buch diese Angebote unter systematischen Gesichtspunkten zusammengetragen und interpretiert. Dabei zeigt sich eine erstaunliche thematische Breite. Sie reicht von Kompositionen der Vorahnung kommenden Unheils bis zu Werken, die die Fülle des Friedens musikalisch darstellen wollen. In einem publizistisch weithin unbearbeitet gebliebenen Themenbereich bietet dieses Buch eine Orientierungshilfe beim Versuch, sich der Friedensproblematik auf ungewöhnliche Weise anzunähern.

Klänge des Friedens. Ein Hörbericht

Vorwort
Werden Nacht und Stürme Licht?
Annäherungen an den Frieden über klassische Musik
Die Kernfrage: Warum planen die Völker wahnwitziges Tun?
Periculum in mora: Vorahnungen
Schlachtenfiguren in Krieg und Liebe
Krieg und Frieden im Widerstreit
Da pacem – einst und heute
Friedenserwartungen im Krieg
Te Deum und Jubel-Geschrey
Concerti funebri: Wie liegt die Stadt so wüste
Anti-Kompositionen
Klangwelten des Friedens
Rückblick und Ausblick
Nachwort
Personenregister

In Ergänzung zu diesem Buch erschien 2003 eine CD-ROM Frieden hören! (2. Auflage 2009).

In dieser CD-ROM werden wichtige Aspekte des Themenkreises "Krieg und Frieden" durch Beispiele aus klassischer Musik "hörbar" gemacht. Die 38 Hörbeispiele mit einer Gesamtspieldauer von rund drei Stunden wurden aus Werken verschiedener Komponisten der Vergangenheit und der Gegenwart ausgewählt. Zu jedem Hörbeispiel wird von mir ein erläuternder Kommentar angeboten. Die CD-ROM enthält darüber hinaus ausdruckbare Biographien zu allen Komponisten sowie Hintergrundmaterialien zu den Hörbeispielen.

Nähere Informationen hierzu sind über folgende Internet-Link-Adresse einsehbar » http://www.friedenspaedagogik.de/service/publika/f_hoeren.htm

Bezugsadresse:
Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V.
Corrensstr.12, D-72076 Tübingen,
Tel:07071/920510, Fax: 07071/9205111
E-Mail: kontakt@friedenspaedagogik.de
http://www.friedenspaedagogik.de
Preis:15,00 Euro

Eine Fortsetzung fand das Projekt "Annährung an den Frieden über klassische Musik" in einem von mir mitherausgegebenen Buch "Vom hörbaren Frieden" (2005), in dem (neben mir selbst als Friedensforscher) 21 Musikwissenschaftler spezifische Aspekte der Thematik bearbeiten (Längs- und Querschnittsanalysen, Einzelportraits von Kompositionen und Komponisten). Es handelt sich um eine Veröffentlichung, die im Allgemeinen und insbesondere auch in der musikwissenschaftlichen Publizistik bis dato keinen Vorläufer und keine Parallele hat.

Eigene, vorher nur verstreut greifbare Beiträge finden sich in dem im Wochenschau Verlag veröffentlichtem Buch "Frieden hören. Musik, Klang und Töne in der Friedenspädagogik", Schwalbach/Ts. 2013 (http://www.wochenschau-verlag.de/frieden-hoeren.html; hier auch das Inhaltsverzeichnis).

 

XII

Eine Monographie zur Struktur der Weltgesellschaft, deren Problemlagen in unterschiedlichen Teilwelten und über die sich aus einer solchen kontextuierten Analyse erschließenden friedenspolitischen Perspektiven (Weltordnungspolitik) erschien 2012: "Weltordnung in einer zerklüfteten Welt. Hat Frieden Zukunft?" (edition suhrkamp):

Die Struktur der Welt ist seit langem durch eine extreme Hierarchisierung und Abschichtung gekennzeichnet. Zerklüftungen sind in vielen Dimensionen zu beobachten. So besteht z.B. im Weltwirtschaftssystem eine dramatische Kluft zwischen der sogenannten OECD-Welt und dem "Rest der Welt". Während die erstere dicht und relativ symmetrisch unter sich vernetzt ist, ist die übrige Welt nach wie vor überwiegend asymmetrisch auf dieses Gravitationszentrum ausgerichtet. Diesem weiterhin weltpolitisch tonangebenden, in sich hochkoordinierten Gravitationszentrum (ca. 16% der Weltbevölkerung) steht bisher kein vergleichbar koordiniertes kollektives oder auch nur regionales Machtzentrum gegenüber. Die Zerklüftungen innerhalb der Nicht-OECD-Welt sind nicht weniger markant: Etwa 10% der Weltbevölkerung lebt unter den Bedingungen von "Staaten", die zusammengebrochen sind oder deren Zerfall ernsthaft droht. 37% der Weltbevölkerung lebt allein in zwei Makrostaaten: China und Indien, weitere 37% in ca. 130 Gesellschaften, die sich durch eine sogenannte begrenzte Staatlichkeit auszeichnen. Programmatiken über Weltordnung und Weltregieren müssen sich heute mit elementaren Sachverhalten dieser Art auseinandersetzen, ansonsten blieben sie weltflächig-abstrakt, folglich analytisch fragwürdig und letztendlich praktisch irrelevant. Weltordnungsprogrammatiken bedürfen somit, insofern sie wirklich auf die gesamte real existierende Welt bezogen sind, einer problemadäquaten Kontextuierung.

 

XIII

Eine Veröffentlichung mit englischsprachigen Beiträgen aus den vergangenen Jahrzehnten, eingeführt von Michael Zürn und ergänzt um eine übersetzte Version dieser wissenschaftsbiographischen Notizen, findet sich in dem im Springer Verlag verlegten Buch Dieter Senghaas Pioneer of Peace and Development Research, Heidelberg 2013 (Informationen in http://afes-press-books.de/html/SpringerBriefs_PSP06.htm).

Eine Würdigung meines Beitrages zur Wissenschaft (Friedens-, Konflikt- und Entwicklungsforschung; Internationale Bezehungen; Welt-Analyse) seit den 1960er Jahren findet sich in Lothar Brock: Dieter Senghaas (geboren 1940), in: Eckhart Jesse und Sebastian Liebold (Hrg.): Deutsche Politikwissenschaftler - Leben und Wirkung, Baden-Baden 2014, S. 697-710.

 

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1 Eine fortlaufende Sammlung sämtlicher Veröffentlichungen seit 1963 findet sich neuerdings in einem Depositum im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn.
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2 Meine inhaltliche Reaktion auf die breite Kritik findet sich in den Vorworten zur zweiten und dritten Auflage des Buches über die Abschreckungsproblematik Abschreckung und Frieden, Frankfurt a.M. 1981(3), S. 7ff. und S 23ff.
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3 Eine umfassende, äußerst detaillierte und inhaltlich vorzügliche Bestandsaufnahme aus fremder Feder findet sich in Lars Mjöset: Comparative Typologies of Development Patterns: The Menzel/Senghaas Framework, in: ders. (Hg.): "Contributions to the Comparative Study of Development. Proceedings from the Vilhelm Aubert Memorial Symposion 1990", Oslo 1992, Bd. 2, S. 96-161. Ebenfalls die umfangreiche Magisterarbeit von Hanno Franke: Der Beitrag von Dieter Senghaas zur entwicklungstheoretischen Diskussion, Freiburg i. Br. 1993/94 sowie neuerdings das Porträt von Wolfgang Hein: Dieter Senghaas - Von Europa lernen: Autozentrierte Entwicklung und Zivilisierung, in: "Entwicklung und Zusammenarbeit", Bd. 40, 1999, S. 172-175.
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4 Eine detaillierte Darstellung dieser Reorientierung findet sich in meinem Beitrag in Jörg Calließ (Hg.):Wodurch und wie konstituiert sich Frieden? Das zivilisatorische Hexagon auf dem Prüfstand, Loccum 1997, S. 21-32.
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5 Eine kompakte Auseinandersetzung mit diesem Paradigma findet sich in dem in Anmerkung 4 zitierten Band, dort auch die Antwort an meine bisherigen Kritiker in Hexagon-Sünden. Über die Kritik am "zivilisatorischen Hexagon", S. 325-337, ebenfalls in meinem Buch Zum irdischen Frieden, Frankfurt a.M. 2004, Kap. 4, S. 124-140. S. auch die treffende Gesamtdarstellung meiner Position in Peter Imbusch: Die Konflikttheorie der Zivilisierungstheorie, in Thorsten Bonacker(Hg.): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien, Opladen 2002, S. 165-186 sowie in dem Portrait Dieter Senghaas, verfaßt von Thomas König in Gisela Riescher (Hg.): Politische Theorie der Gegenwart in Einzeldarstellungen, Stuttgart 2004, S. 444-449. Eine umfassende Darstellung findet sich in Alfons Siegel: Ideen zur Friedensgestaltung am Ende des Ersten Weltkrieges und des Ost-West-Konfliktes. Entwicklungen und Konzepte von Matthias Erzberger und Dieter Senghaas, Münster 2003, S. 163-418 und passim. S. auch die Beiträge in Leviathan, Bd. 33, Heft 4, 2005, Wissenschaft als Beruf - zwei Vorträge über Dieter Senghaas (S. 420-438): Frank Nullmeier: Ein Professor in Bremen (S. 423-427); Michael Zürn: Frieden umfassend denken (S. 428-438); Ulrich Menzel: Vom ewigen zum irdischen Frieden. Dieter Senghaas wird 65 und kein bisschen leise in:Friedensforum, Nr. 1-2, 2005, S. 3-4 sowie Alfons Siegel: Kant-Bezüge in Friedenskonzepten von Matthias Erzberger und Dieter Senghaas, in: Eine Kultur des Friedens denken, in: Biberacher Studien, Bd. 7, Biberach/Riß 2006, S. 43-59 (erweitert in: Zeitschrift für Politik, Bd. 55, Heft 3, 2008, S. 337-361). Eine wissenschaftsbiographische Darstellung findet sich in Mitsuo Miyatas Nachwort zur japanischen Ausgabe von Zivilisierung wider Willen, Tokyo 2006, S. 257-272; Hajo Schmidt: Laudatio auf Dieter Senghaas, in:Reden in der Villa Ichon 2006-2007, Bd. XI, Bremen 2007, S. 21-27.

Neuere Verweise auf das "zivilisatorische Hexagon" finden sich referierend, kritisierend, auch die einschlägigen Debatten aufarbeitend in Sabine Jaberg: "Frieden als Zivilisierungsprojekt", in Hans J. Gießmann und Bernhard Rinke (Hg.): Handbuch Frieden, Wiesbaden 2011, S. 86-100; weiterhin in mehreren Beiträgen in Egbert Jahn u.a. (Hg.): Die Zukunft des Friedens, Bd. 2: Die Friedens- und Konfliktforschung aus der Perspektive der jüngeren Generation, Wiesbaden 2005 (s. insbesondere in den Beiträgen von Sabine Fischer/Astrid Sahm; Heidrun Zinecker).

Für einschlägige Kurzreferate und Diskussionen über das "zivilisatorische Hexagon" s. auch einige Beiträge in den folgenden Sammelbänden Jörg Calließ und Christoph Weller (Hg.): Friedenstheorie, Loccum 2003; diess. (Hg.): Chancen für den Frieden, Loccum 2006; Peter Schlotter und Simone Wisotzki (Hg.): Friedens- und Konfliktforschung, Baden-Baden 2011.
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6 Eine Zeitdiagnose, kompakt im Umfang eines Zeitschriftenartikels, findet sich in meinem Beitrag Die Konstitution der Welt - eine Analyse in friedenspolitischer Absicht, in: Leviathan, Bd. 31, Nr. 1, 2003, S. 117-152. S. hierzu jetzt Dieter Senghaas: Weltordnung in einer zerklüfteten Welt. Hat Frieden Zukunft?, Berlin 2012 (edition suhrkamp 2642).
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